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Bäm! Bild blockt alle Adblock Nutzer.

 

Die einen rufen „Ja, endlich!“, weil eins der großen Irgendwie-Nachrichten Portale nicht nur in unterwürfigen und inkonsequenten „Wir müssen Geld verdienen“  Erklärungsversuchen die User anbettelt, dass man doch bitte den Adblocker ausschaltet, sonst könne man die Stromrechnung nicht mehr bezahlen, geschweige denn die Journalistengehälter (bzw. die Lebenserhaltungskosten der Redakteure).

Sie rufen „Ja, endlich!“ weil  ein Portal sich mal traut, dem User konsequent „Nur ohne Adblocker, Freundchen“ zuzurufen.

Die anderen rufen „Ja, endlich!“ weil sie jetzt wirksam erinnert werden, dass sie doch Bild.de eh nicht mehr besuchen wollten.
 
Weil das Thema heißer ist als je zuvor habe ich jetzt mal versucht, mich für Euch dem Thema zu nähern. Auf den ersten Blick schien das auch recht einfach. Einen Einblick in das Thema Adblocker zu geben und eine Übersicht über den eskalierenden Krieg (ja, Krieg!) um die Adblocker.

Es ist ja eigentlich ganz einfach: Auf der einen Seite die (guten) (bösen) Adblocker, auf der anderen Seite die (guten) (bösen) Verlage. 

Aber das Thema ist ein Wespennest der „Ja, aber“- Argumente“ auf beiden Seiten der Front, die irgendwie alle verständlich und nachvollziehbar sind. Und was es zusätzlich kompliziert macht: die „eine Front“ gibt es spätestens seit diesem Jahr gar nicht mehr. Puh, schwierig.
Aber der Reihe nach. Vielleicht erlangen wir ein bisschen mehr Klarheit durch Struktur. 

 Diesmal nur von Daniel
- aber keine Angst, Thomas ist übernächste Woche wieder für Euch da -


Schritt 1. Für Anfänger.

Was sind eigentlich Adblocker und wie funktionieren Adblocker? 


Ein Adblocker ist ein Programm (Addon oder Plugin genannt), das man innerhalb des Browserprogramms installieren kann. Der Adblocker blockiert damit (einen Großteil der) Werbung, die auf der Webseite angezeigt wird.

Die Adblocker werden dabei nicht von den großen Browserbetreibern wie Mozilla (Firefox), Microsoft (Internet Explorer) oder Google (Chrome) angeboten, sondern durch andere Firmen. Die Browserfirmen stellen also ihren Browser nur als Infrastruktur zu Verfügung und garantieren weder Qualität, noch Sicherheit noch Seriosität der Anbieter.

Im Groben werden die Werbeanzeigen dadurch geblockt, dass
Webseitenelemente, die von einer Drittwebseite geladen werden (was bei vielen Werbebannern der Fall ist) blockiert werden. Die Adblocker haben dafür eine Liste von allen Servern aller Werbeanbieter, identifizieren diese während die Webseite lädt und verhindern, dass diese Elemente im Browser angezeigt werden. Webseitenelemente, die direkt auf der Webseite „liegen“, werden versteckt. Diese Inhalte werden also in den Browser geladen, aber nicht angezeigt.

Allerdings blocken Adblocker die Werbung aber nicht nur, sondern lassen auch bewusst Werbung durch. Adblock Plus zum Beispiel hat Regeln für „Annehmbare Werbung“ aufgestellt, die trotzdem angezeigt werden, wenn die Werbung /die Werbeformate) ihre Regeln erfüllen und wenn die Werbeanbieter für das Anzeigen der Anzeigen Geld bezahlen. 
Wer es noch genauer wissen will: Projecter versucht es Euch zu erklären.

Soweit zum Aufwärmen ... jetzt schon weiterleiten? 


Schritt 2.

Was sind die Vorteile von Adblockern? 


Für die User sind die Vorteile überzeugend. Man wundert sich da manchmal, dass die Quote der User mit Adblockern (in Deutschland) nur bei einem Viertel liegen soll. Die Vorteile im Schnelldurchlauf: 

  1. Popups poppen nicht mehr auf (haben allerdings die meisten Browser auch schon direkt integriert).
  2. Von Werbung zugepflasterte Webseiten sind besser für den User lesbar. Das Layout ist klarer, der User muss nicht bei jedem Artikel zum Artikel runterscrollen, der User wird nicht durch blinkende Flash-Ads beim Lesen abgelenkt.
  3. Pre-Roll (also vor dem Video angezeigte) Werbevideos z.B. bei Youtube werden unterdrückt, man kann sofort die Videos sehen.
  4. Ladezeiten werden verbessert (insbesondere für "Mobile" relevant).
  5. Nervige Re-targeting Ads sind nicht sichtbar (das sind die, die Euch die Werbung für ein Produkt noch anzeigt, nachdem ihr das schon wieder zurückgeschickt habt, weil es Euch nicht gefallen hat).
  6. Werbe-Posts bei Facebook werden im „Newsfeed“ nicht angezeigt.
  7. Ein bisschen Tracking wird auch verhindert.
  8. Die Gefahr, sich durch sogenannte Malware Viren auf Computer / Laptop / Smartphone durch virenseuchte Werbebanner einzufangen wird verringert. (Wer jetzt denkt, er wäre sicher, weil er ein iPhone hat, der irrt. Zauberwort: Drittanbietersperre. Wer´s noch nicht gemacht hat, dann bitte schleunigst jetzt, Adblocker funktionieren z.B. noch nicht in Apps).

Wer immer noch nicht überzeugt ist, schaut sich mal bitte diverse deutsche Newsseiten an. Einmal mit Adblocker, einmal ohne.

Ganz schön viele Vorteile also. Wo ist der Haken für den User?

Es gibt keinen. Wenn ich das jetzt jemandem am Telefon verkaufen müsste, hätte ich glaube ich keine Probleme. Insbesondere wenn ich meinen Verkaufspreis nenne:

0,00€. In Worten: Null Euro – Null Eurocent.

Null-Euro - Null Problemo? Nein, denn genau da fangen die Probleme an. Kommen wir also zum nächsten Punkt.


Schritt 3.

Die Probleme mit Adblockern 


Die Adblock-Betreiber retten nicht nur mal eben die Welt, also die Nutzer vor der bösen Werbung, der bösen Marketingüberwachung und den wirklich bösen Hackern, aus Spaß an der Freud, sondern müssen (und wollen) auch Geld verdienen. Server müssen bezahlt werden, der Adblocker soll kontinuierlich weiterentwickelt werden, Entwickler möchten auch nicht nur die Lebenshaltungskosten ersetzt bekommen und die Investoren erwarten eine Rendite, die auf einem etwas höherem Niveau als dem der europäischen Zentralbank liegt.
 
Weil freiwillige Spenden für all diese hungrigen Mäuler Bedürfnisse scheinbar nicht ausreichen, musste man noch ein anderes Geschäftsmodell erfinden. Die scheinbar geniale Lösung:
 
Acceptable Ads und Whitelisting. 

Genauer: Die Adblocker Anbieter geben sich einen Moralkodex, definieren welche Werbung gut (annehmbar) und böse (nicht annehmbar) ist, welche Werbung also die Webseitenbetreiber ihren Usern überhaupt anbieten dürfen. Die Geprüften müssen / können dann auch Geld dafür bezahlen, dass ihre Werbung den Usern den Adblocker ihren Usern auch angezeigt wird.

En détail kann man die Geschichte übrigens bei Sascha Pallenbergs Mobile Geeks nachlesen, bei denen ich in 2013 zum ersten Mal in die Abgründe von Adblock Plus eingestiegen bin.

Mobile Geeks hat sich dem Thema auch noch in einigen anderen Artikeln verschrieben. Viel Holz, aber mindestens genauso spannend wie ein John Grisham.

Am Geschäftsmodell setzt auch die Kritik ein: Dass Werbung nicht nur geblockt wird, sondern die Adblocker Betreiber die Hand aufhalten, dass sie doch nicht alle Werbung blocken. Oder wie Sascha Pallenberg im Interview mit André Vollbracht von Venture TV sagt:

Das ist digitale Schutzgelderpressung


Deutsche Verleger sehen darin Verletzungen gegen Urheberrecht und Wettbewerbsrecht, haben aber jetzt bereits mehrere Klagen gegen Adblock Plus verloren, die letzte erst vor 2 Wochen vor dem Landgericht Köln.

Es darf bezweifelt werden, dass das die letzte Auseinandersetzung war. Und wer jetzt denkt, dass der Krieg nur zwischen Adblockern und Verlagen stattfindet, irrt gewaltig. Denn während deutsche Gerichte den Verlagen und allen anderen Webseitenbetreibern, die nicht die Mittel für eine Klage haben, die kalte Schulter zeigt, haben längst weitere Kontrahenten das Schlachtfeld betreten.

Schritt 4. 

Frontbericht - die Kriegsparteien 


Also, schauen wir mal auf´s Schlachtfeld und identifizieren die Kriegsparteien:

Die eine Seite – die weißen Ritter und Gralshüter des guten Internets: Die Adblocker 

Einer der beiden Weltmarktführer der westlichen Welt aus Köln: Adblock Plus, das von Eyeo betrieben wird, wurde laut Aussage von Tim Schumacher, einem der Investoren, mehr als 400 Millionen mal heruntergeladen und hat geschätzte 40 Millionen User. 

Till Faida, der Geschäftsführer von Eyeo beschreibt Adblock als
 
„Browsererweiterung, die dem User die Kontrolle darüber gibt, welche Werbung er sehen will oder nicht“

(hier im Interview mit Andre Vollbracht von Venture TV)

Tim Schumacher kommuniziert folgendes Ziel:
 
Wir streben deshalb nach einem Kompromiss zwischen Usern und Online-Werbern, indem wir Werbetreibende dazu anstoßen ihre Anzeigen zu verbessern und Nutzern erlauben störende Werbung auszublenden. 

Ein weiteres Schwergewicht unter den weißen Rittern ist „Adblock“, das von Michael Gundlach gegründet wurde (deutscher Name, ist aber US-Amerikaner, die Firma sitzt (noch?) in den Staaten), laut Wikipedia der beliebteste Adblocker bei Chrome und Safari Nutzern (Desktop) mit geschätzten 40-50 Millionen Nutzern.

Pikante Entwicklung: der Wettbewerber von Adblock Plus kooperiert mit Adblock  Plus, indem er am „Acceptable Ads“ Programm teilnimmt. Noch pikantere Entwicklung: Adblock wurde in einer recht mysteriösen Transaktion verkauft, keiner weiß an wen, und der Gründer ist gegangen.

www.cio.com/article/2988835/adblock-for-chrome-signs-on-to-eyeos-acceptable-ads-whitelist.html
 
http://stadt-bremerhaven.de/adblock-nicht-plus-wurde-verkauft-und-setzt-nun-auf-acceptable-ads/
 
Thenextweb stellt hier eine richtige und wichtige Frage:
 
Kann man einem Addon trauen, wenn der Betreiber dahinter vollständig anonym ist?

http://thenextweb.com/apps/2015/10/02/trust-us-we-block-ads/
 
Ebenfalls dem Acceptable Ads Kampfverbund beigetreten ist die iOs App Crystal für den Safari Browser, wie Golem berichtet:

http://www.golem.de/news/acceptable-ads-adblock-ist-nun-offenbar-teil-von-adblock-plus-1510-116668.html           
 
Relativ schnell das Handtuch geschmissen hat allerdings der Friedensengel: Marco Arment, Entwickler der Adblocker iPhone App „Peace“ (wir erinnern uns kurz: Apple hatte erst vor wenigen Wochen Adblocker für den Safari Browser auf der iPhone zugelassen) - hat sich schon einigen Tagen aus dem Adblocker Geschäft zurückgezogen 

http://fortune.com/2015/09/18/adblocker-peace-arment/

Auf seinem Blog schreibt Marco, dass er denkt, dass „Adblocker notwendig sind, aber er sich nicht wohl damit fühlt, einen Adblocker anzubieten und der Schiedsrichter zu sein, welche Werbung angezeigt wird und welche nicht“.
 
Achieving this much success with Peace just doesn’t feel good, which I didn’t anticipate, but probably should have. Ad blockers come with an important asterisk: while they do benefit a ton of people in major ways, they also hurt some, including many who don’t deserve the hit.

http://www.marco.org/2015/09/18/just-doesnt-feel-good
 
Neben Wohlfühlbefindlichkeiten und der Erkenntnis, dass man vielleicht manchmal gerne Schnitzel isst, aber es lieber im Supermarkt in der Verpackung kauft, statt selber Hand anzulegen, war es aber auch vielleicht besser, öffentlich Fahnenflucht zu begehen, als sich selber als einen von vielen Fußsoldaten zu verheizen. Lieber abdanken, solange man noch als Nummer 1 im Apple Appstore hoch auf dem Roß sitzen kann.
 
 It’s going to be a massive rush, because they’re just so easy to make. 

http://fortune.com/2015/09/20/apple-ad-block-ios9/
 
Aber schon allein diese Geschichte wird Marco Speaker Einladungen auf jedem Webevent in den nächsten 5 Jahren sichern. Also: Smart move!
 
Es gibt natürlich noch mehr Adblocker, insbesondere in Indien und Asien. Wer noch mehr Daten zu Adblockern haben will: Anti-Adblock Anbieter pagefair bietet mehrer Studien an:

http://downloads.pagefair.com/reports/adblocking_goes_mainstream_2014_report.pdf 

Die andere Seite: Verleger

Die bösen Verleger. Haben schon viel Häme und Haue von den Free-Lunch Digital Natives für das Leistungsschutzrecht einstecken müssen und wagen es jetzt, zu fordern, dass sie User ihre Webseiten so sehen müssen, wie sie es wollen. Wie können Sie es nur wagen? 

Axel Springer z.B. fährt mehrere Strategien: Den Klageweg – siehe oben – der bisher recht erfolglos scheint, hat aber auch gleichzeitig den Gegenangriff gestartet. Seit diesem Dienstag blockiert Bild einfach jeden Nutzer, der seinen Adblocker anlässt. Donata Hopfen, Vorsitzende der Verlagsgeschäftsführung BILD-Gruppe hat die neue Strategie so kommentiert:
 
Auch im Netz müssen sich journalistische Angebote über die beiden bekannten Erlössäulen, nämlich Werbe- und Vertriebseinnahmen, finanzieren, um weiterhin unabhängigen Journalismus zu bieten. 

FAZ Online versucht es derweil mit einem Appell und Kommunikation von Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Produkte.
 
Auf unserer Webseite finden Sie in der Regel keine Pop-Ups, Layer oder ähnliche aggressive Werbeformen, sondern meist klassische Anzeigen. Wenn Sie möchten, dass wir FAZ.NET weiter entwickeln können und unsere Webseite auch in Zukunft kostenfrei bleiben kann, schalten Sie Ihren Adblocker für FAZ.NET ab. Ich finde, das ist ein sehr geringer Preis für so ein reichhaltiges Produkt.

Ob das den Durchschnittsuser beeindrucken wird? Frage ist wahrscheinlich auch, wie lang MvB sich mit diesem Appell über jedem Artikel sehen möchte. Ob da der Appellfaktor wirkt oder eher der Nervfaktor, dass der User mit Adblocker noch weiter nach unten scrollen muss wird man niemals rausfinden. Hinweise auf einen A/B Test konnten wir nicht finden. 
 
Ähnliche Aktionen gibt es auch natürlich auch jenseits des großen Teichs: Anfang September hat z.B. die Washington Post jeden Adblock User nach ein paar angezeigten Artikeln schon zur Paywall geschickt, obwohl davor jeder User 10 Artikel im Monat kostenlos lesen konnte

http://www.geekwire.com/2015/use-an-ad-blocker-the-washington-post-is-now-probably-blocking-you/

Momentaner Status der Aktion ist allerdings unklar, momentan kann man auf der Seite auch ungeniert mit Adblocker surfen. Mission aborted?
 
Spannende Frage jetzt ist: wieviele Verleger ziehen mit Bild mit? Nutzen andere jetzt die Gunst der Stunde, um im Windschatten von Bild nicht nur mitzufahren, sondern sich daneben aufzustellen, um eine Schlacht mal zu gewinnen, indem man den Spieß mal umdreht? (Andere Frage ist natürlich, wieviele Plattformen überhaupt sich technisch vorbereitet haben und ob man überhaupt Pfeile im Köcher hat).
 
Denn wenn der User dauernd stolpert und jedesmal wenn er surft, seinen Adblocker abstellen muss, wenn er einen Artikel lesen will, ist es gar nicht abwegig, dass er a) bei diesen Webseiten seinen Adblocker dauerhaft abstellen wird, bzw. b) die Adblocker irgendwann dazu übergehen müssen dass sie seriöse Nachrichtenseiten generell auf die Whitelist setzen müssen, weil sonst die „User Experience“ etwas holprig ist. Alternative b) erfordert natürlich einen langen Atem, aber hängt letzten Endes auch von der Penetrationsdichte der Anti-Adblock Software ab.
 
Müssten dabei 100% der Seiten Anti-Adblock Software einsetzen? Wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich würde es reichen, wenn eine kritische Masse an Webseitenbetreiber / Newsseitenbetreiber die Anti-Adblock Technologie einsetzt.
 
Was am Schritt von Bild auf jeden Fall durchdacht ist: es wird nicht nur geblockt, sondern es wird auch die Möglichkeit gegeben, sich einen werbefreien Zugang mit dem „Bild-Smart-Abo“ für 2,99€ monatlich zu erkaufen. Gleichzeitig ist die Webseite auch nicht mit Werbung oder Overlays zugepflastert. 

Unter den Adblock-Opfern befinden sich aber auch viele kleine Anbieter, die bereits bei kleinen Summen stark leiden:

Die (kleineren) unabhängigen Medien.

Auch die, die recht sparsam Werbung einsetzen.

Wie Marco Arment richtig schreibt (ich wiederhole mal ein Teil seines Zitats von oben) werden von den Adblockern viele verletzt, die die Schläge gar nicht verdient haben.
 
They also hurt some, including many who don’t deserve the hit

The Verge schreibt im Zusammenhang mit der Kriegserklärung von Apple an Google:
 
It is going to be a bloodbath of independent media.

http://www.theverge.com/2015/9/17/9338963/welcome-to-hell-apple-vs-google-vs-facebook-and-the-slow-death-of-the-web

Die kleinen Independent Anbieter haben letzten Endes nur folgende Möglichkeiten: ihre Online-Werbeerlöse erstmal abzuschreiben, sich andere Erlösmodelle einfallen zu lassen oder sich ebenfalls eine Anti-Adblock Lösung zu besorgen. Oder alles drei.

Aber der Krieg findet nicht nur zwischen Adblockern und Webseitenbetreibern statt. 

Die bisher unsichtbaren Dritten: Die Browserbetreiber / Werbenetzwerke 

Die Spieler, die bisher ihre Hände in Unschuld gewaschen haben. Als eigentlich neutrale Dritte, die unbeteiligten Marktplatzbetreiber, die ihren Browser halbseitig geöffnet haben, um den Usern über Drittanbieter mehr Funktionen zur Verfügung zu stellen und damit natürlich die Innovationsfähigkeit ihres Browsers erhöht haben. Doch so ganz neutral sind die Browserbetreiber nicht:

Mozilla (Firefox) finanziert sich durch Umsatzbeteiligungen an der im Browser voreingestellten Suche: In den letzten Jahren bis 2013 war dies Google, dann switchte Mozilla zu Yahoo.

Microsoft betreibt den Internet Explorer und verdient auch mit Werbung Geld: mit Bing, einer weitere große Suchmaschine.

Google selber betreibt den Chrome Browser und verdient vornehmlich an Werbung bei der Google Suche, aber auch an Werbung auf anderen Webseiten durch das eigene Such- und Werbenetzwerk. 
Apple wiederum betreibt den Browser Safari. Aber nicht nur den Browser Safari, sondern mit dem App Store natürlich auch noch DEN Marktplatz für Apps. Und was sind Apps? Richtig, kleine Spezialbrowser, die jeweils nur eine Webseite / einen Dienst anzeigen.

Aber warum schaden die sich dann selbst, zahlen Schutzgeld, wie Pallenberg sagt, und kicken die Adblocker nicht einfach aus dem Browser? Sicherheitsrelevante Features könnten ja auch in die Browser eingebaut werden?!

Die Antwort könnte lauten:
 
Was den anderen mehr schadet, als mir selbst, nützt mir im Endeffekt wieder.

Größere Player können bessere Konditionen aushandeln und profitieren dann wiederum vom Adblocker gegenüber anderen, kleineren Werbenetzwerken.

Und Apple hat noch ein ganz anderes Ziel: Apple möchte Google den Krieg erklären:
 
You might think the conversation about ad blocking is about the user experience of news, but what we're really talking about is money and power in Silicon Valley. And titanic battles between large companies with lots of money and power tend to have a lot of collateral damage.

http://www.theverge.com/2015/9/17/9338963/welcome-to-hell-apple-vs-google-vs-facebook-and-the-slow-death-of-the-web
 
And with iOS 9 and content blockers, what you're seeing is Apple's attempt to fully drive the knife into Google's revenue platform. iOS 9 includes a refined search that auto-suggests content and that can search inside apps, pulling content away from Google and users away from the web, it allows users to block ads, and it offers publishers salvation in the form of Apple News, inside of which Apple will happily display (unblockable!) ads, and even sell them on publishers' behalf for just a 30 percent cut.
But from Apple's perspective it's a win as long as the money's not going to Google.

Da fragt man sich natürlich, wer hier eigentlich mit wem kämpft, wenn im Prinzip die großen Webgiganten eigentlich die Fäden ihrer Adblocker Marionetten in den Händen halten. Denn würden die Verlage gegen Adblock gewinnen, würden die Giganten einfach die nächste Marionette aus dem Hut zaubern. 

Jetzt mag der ein oder andere denken, dass wir mit der Aufzählung der Opponenten schon am Ende sind. Nein, ich muss Euch enttäuschen. Es gibt noch weitere hungrige Mitspieler, die ein Stück vom Kuchen haben wollen.
 
Die Mobilfunkbetreiber

Das israelische Startup Shine hat nach eigenen Angaben eine Adblocker Technologie für Mobilfunkanbieter entwickelt und im Mai verkündet, dass man die Unterstützung von mehreren Mobilfunkanbietern habe.

http://uk.businessinsider.com/israeli-ad-blocker-shine-could-threaten-mobile-advertising-2015-5 

Alles nur Werberasseln? Die Telekom z.B. dementiert:
 
Wir verfolgen alle Trends und Entwicklungen in der Branche, aber wir haben keinen festgelegten Plan in Bezug auf Werbeblocker.

http://www.golem.de/news/shine-technologies-telekom-soll-adblocker-gegen-google-und-facebook-planen-1510-116653.html

Aber mal ehrlich: eine solche Aussage sieht nicht wie das entrüstete Ablehnen einer Adblocker Technologie auf Mobilfunkerebene aus (ich hätte hier ein entrüstetes: wir lehnen digitale Schutzgelderpressung ab erwartet)

Aber wenn ich jetzt nochmal genauer nachdenke: Bei Schutzgelderpressung muss ich auch irgendwie an die Torpedoattacken auf die Netzneutralität denken. 

Aber war das wirklich die letzte Gruppe? Gibt es nicht entlang der Übertragungswege irgendwo eine Möglichkeit, dass sich noch jemand ein Stück vom Werbekuchen ergattern möchte? Schließlich kann man ja jeden Kuchen in unendlich viele Teile teilen, wenn man das verbleibende Stück einfach immer in der Mitte durchteilt. Nur bekommt allmählich das Gefühl, dass die Inhalteersteller nicht das erste Stück bekommen sollen, sondern das letzte.

Spinnen wir mal weiter: Wer könnte sich noch in die Schlacht begeben? Wie wäre es mit den chinesischen Smartphoneherstellern? Der Adblocker wird einfach als zusätzlicher Chip einbaut. Die Hersteller gründen dann einfach die „Chinese Adblock Alliance“, nach ein paar Monaten ziehen Korea, Taiwan und weitere Länder nach, der Kontinentalverband „Asian Adblock Alliance“ trifft sich zu seiner ersten Sitzung Ende 2016. Klingt absurd? Für mich auch nicht absurder, als wenn Mobilfunker sich anmaßen, Werbung auf Webseiten zu blocken.

Oder übertragen wir die Geschichte mal auf anderen Märkte: Smart-TV Hersteller installieren Adblocker auf Ihren Geräten und schützen die Verbraucher vor allzu schriller, langweiliger, bunter, sinnloser, zu langer Werbung? TV-Sender können die automatische Umschaltung auf andere Lieblingssender dann nur verhindern, wenn sie sich den Regeln der „Acceptable Ads Alliance“  AAA (nicht zu verwechseln mit der AAA, der „Asian Adblock Alliance“) unterwirft? Und natürlich dafür zahlt. Um das ganze gerecht zu machen, kassiert man aber dann erstmal bei den TV Sendern für Durchlassen von akzeptablen Werbeblöcken ab und bei den Werbekunden dann nochmal für akzeptable Werbeformate.

Aber das Schlachtfeld gleicht auch schon ohne dazuerfundene Chinesen einem Schlachtfeld. Wahnsinn. Gibt es denn überhaupt noch Handlungsmöglichkeiten?
 
 

Schritt 5.

Handlungsalternativen


Volker Schütz von Horizont meint, dass es mit einem neuen Verständnis von Digitalwerbung getan sei:

1. Bessere Werbung 2. Schnellere Werbung 3. Weniger Werbung

http://www.horizont.net/medien/kommentare/Kampf-gegen-Adblocker-Du-hast-keine-Chance-aber-nutze-sie-136846

Das geht schon in die richtige Richtung. Aber reicht das?  Volker Schütz meint zur Aktion von Bild:
 

„Das Ganze wirkt wie eine pädogische Verzweiflungsmaßnahme von Eltern, die ihrem widerspenstigen Kind Manieren beibringen wollen und dabei auch ans Taschengeld gehen."

Das trifft es schon ganz gut, aber er verkennt, dass es nicht nur um das widerspenstige Kind, den User geht, sondern neben dem Kind auch noch eine Hydra der Webgiganten zu bekämpfen ist.

Deshalb mal ein paar Handlungsempfehlungen im Schnelldurchlauf: (kein Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit;)
  1. Schaltet Eure Adblocker ab. Ich wette, dass so mancher Werber, so mancher Werbenetzwerkchef, so mancher Verlagschef und auch die ganzen Manager MIT Adblocker browsen. Schaltet also nicht nur Eure Adblocker ab, sondern geht durch das Büro, die Redaktion und zwingt jeden einzelnen Mitarbeiter, den Adblocker zu deinstallieren. Wenn nicht für alle Seiten, dann zumindest für Eure eigene.
  2. Macht Eure Seite wieder schicker. Auch für den Desktop. Euer Produkt ist nicht nur Content. Wenn die Vogue auf Altpapier gedruckt werden würde, würde sie keiner mehr kaufen und keiner mehr werben. Schaut Euch bitte nochmal die Screenshots an und fragt Euch, ob das wirklich wettbewerbsfähige Design-Layouts des Jahres 2015 sind.
  3. Fleht Eure User nicht an, den Adblocker auszustellen. Jammern ist nicht sexy. Entweder lachen Euch die User aus oder sie schauen peinlich berührt zu Boden. Vielleicht macht ja der eine oder andere dann doch den Adblocker aus. Aber meistens wohl aus Mitleid.
  4. Zeigt Stärke - Blockt die Adblock User. Und macht es schnell, nutzt die Gunst der Stunde. Wählt aber keinen internationalen Anbieter. Wir erinnern uns an letzte Woche: Stichwort Safe Harbor.
  5. Schmeißt Eure Manager raus, die die Werbeplätze als Ramschware vermarkten. Insbesondere die, die Adblock Usern dann andere Trash-Werbung anzeigen lassen, die u.a. zu erfundenen Apotheken-Magazinen führen, die für windige Diätmittel aus Ägypten werben. Die Spirale dreht sich immer schneller. Und zwar nach unten. Ich kann oben nicht Premiumbanner verkaufen und unten wild blinkende Banner für dubiose Glückspielanbieter. Macht die Werbung schicker, die gängigen Werbeformate sind teilweise vielleicht klickeffektiv, aber auch unheimlich hässlich. Oder würde die FAZ überzeugen, wenn sie Schweinebauchanzeigen Seite 1 drucken?
  6. Kümmert Euch um Euren Markenkern und Eure eigene Plattform. Facebook passt nicht zu allen Marken, Katzenbilder zu den wenigsten. Das Spiel bei Facebook heißt: höher, lauter, kürzer, schneller. Und am Ende: nicht mehr Eure User. Nicht mehr Eure Leser. 
  7. Verschwört Euch. Was? Ja verschwört Euch. René Carl, Senderchef von ProSieben MAXX und Co-Senderchef von ProSieben sagt es mit den richtigen Worten im Interview mit der Netzwirtschaft 
  8. Und vielleicht der wichtigste, der für jedes Unternehmen gilt: Seid paranoid. Schaut immer nach rechts, links und vor allen nach hinten. Unterschätzt niemals Euren Wettbewerb. Niemals Eure (noch) kleinen Wettbewerber. Streicht den Ausdruck "relevante Wettbewerber" aus Eurem Unternehmensvokabular. Die Chance, dass irgendein irrelevanter Wettbewerber Euch in 2 Jahren in die Knie zwingt, wenn ihr nicht höllisch aufpasst, ist relativ hoch.
  9. .................
  10. .................

Hausaufgabe für´s nächste Mal: Füllt 9.&10. bitte selber aus, und schickt uns die Punkte als Eure Vorschläge zu: daniel@ oder thomas@netzwirtschaft.net. Belohnung für die Besten: Karmapunkte und Erwähnung im nächsten Newsletter.


Schritt 6. Letzter Schritt für heute.

Brauchen wir Browserneutralität?


Haben deutsche Verleger, deutsche Inhalteanbieter überhaupt eine Chance im globalen Wettbewerb zu bestehen, wenn aus Wettbewerb auf den Märkten ein epischer Kampf der digitalen Supermächte entsteht, in dem kleine digitale Publisher in einem Blutbad dahingemetzelt werden? Oder bleiben ihnen nur die mickrigen Brosamen, in den nichtspannenden Märkten, die man ihnen gnädigerweise lässt?

Müssen die Webseitenbetreiber es sich gefallen lassen, dass irgendeine Firma bestimmt, was gute Werbung, schlechte Werbung ist?  

Denn der User ist es nicht. Dem User wird nämlich nur eine recht binäre Entscheidung aufgedrückt: entweder überall Adblock oder nirgendwo. Ja, natürlich, er kann gnädigerweise den Adblocker händisch für die Webseiten seiner Gunst ausstellen, aber er wird nicht bei jeder Seite prüfen, ob ihm das Werbeumfeld gefällt oder nicht.
Dem Publisher wird damit abverlangt, entweder zu betteln, zu handeln oder unterzugehen. Die Publisher sollten handeln. Wenn sie schnell sind, wenn sie die richtigen Allianzen mit den richtigen Partnern schließen, haben sie eine Chance, die nächsten Schlachten zu überstehen. Aber können sie auch den Krieg gewinnen? Brauchen sie nicht auch Unterstützung? 

Ist es wirklich wettbewerbsrechtlich zulässig, wenn Eyeo die Verleger, die Vermarkter zur Kasse bittet? Wenn ja, brauchen wir zusätzliche Regeln?

Brauchen wir nicht eine "Browserneutralität"? Die klar die Pflichten der Browserbetreiber regelt, die ihnen eine gewisse Neutralität auferlegt? Die klar bestimmt, dass unterhalb der Adresszeile die Webseite so aussehen soll, wie es der Webseitenbetreiber festgelegt hat (oder nicht festgelegt hat, wenn er die Seite nicht auf den Browser hin optimiert hat?). 


Ich glaube, der Wettbewerb würde dann langsame Werbung, langsame Seiten mit schlechtem Layout viel eher einholen. Weil die relevantesten User dann endlich mal sehen, wie die Seiten wirklich aussehen. Und nicht wiederkommen.

Ich jedenfalls war einigermaßen geschockt, wie schlimm Online-Werbung und Webseiten in 2015 immer noch aussiehen, als ich im Selbstversuch diese Woche den Adblocker ausgestellt habe. Aber vielleicht bin ich auch verweichlicht durch meine Gewöhnung an weiße, nichtblinkende Webseiten.

In diesem Sinne:

User, schaltet mal öfter Eure Adblocker aus.

Publisher, macht Eure Webseiten mal schöner. 

Bis nächste Woche!
Daniel 

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