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                     Sieben Monate nach dem rassistischen Terroranschlag 


19. September 2020


 

 

19. September - Tag der Zivilcourage



Am 19. September 2020 kamen wir zum siebten Mal dieses Jahr zusammen, um an die Opfer des rassistischen Terroranschlags vom 19. Februar 2020 zu erinnern und sie würdevoll zu ehren.

An diesem Tage erinnerten wir besonders an zwei Menschen, die wir verlieren mussten, weil sie den Mut bewiesen, der für immer geehrt und gewürdigt werden muss.
 Vili Viorel Păun, der in der Nacht vom 19. Februar die ersten Schüsse am Heumarkt miterlebte, als er gerade in seinem Auto saß und den Täter verfolgte. Ihn nicht nur versuchte, mit seinem Auto zu blockieren sondern ihm bis nach Kesselstadt hinterher fuhr und dort schließlich auf dem Parkplatz vor der Arena Bar von dem Rechtsterroristen erschossen wurde.
Auf dem Weg vom Heumarkt bis nach Kesselstadt versuchte er, vergebens vier Mal die Polizei anzurufen. Keiner dieser Anrufe wurde entgegen genommen.
Nicht nur die Anrufe, sondern auch seine Verfolgung und seinen Versuch, den Attentäter aufzuhalten, musste seine Familie selbst ermitteln und rekonstruieren. Anhand der Informationen auf seinem Handy, auf dem angezeigt wird, dass Vili bereits um 21:56 Uhr - eine Minute nachdem der erste Schuss fiel - bereits versuchte, die Polizei zu erreichen, sowie durch die Aufnahmen von mehreren Überwachungskameras von verschiedenen Geschäften am Heumarkt, musste sich Familie Păun selbst die Frage beantworten, wieso Vili in dieser Nacht nicht nach Hause kam. 

Für Vili Viorel Păun wurde am 19. September 2020 auf dem Parkplatz vor der Arena Bar ein Kreuz enthüllt und durch eine intime Zeremonie mit Priestern, Freund*Innen und Angehörigen eingeweiht.

Das Künstlerkollektiv Kollektiv ohne Namen überreichte an diesem Tag ein Portrait von Vili Viorel als Geschenk an die Familie Păun.

Die Familie des 17-jährigen Hanauers Alptuğ Sözen, der am 13. November 2018 an der S-Bahn-Station Ostendstraße in Frankfurt sein Leben verlor, weil er einer anderen Person helfen wollte, die in das Gleisbett gefallen war und von einer einfahrenden S-Bahn erfasst wurde, war ebenfalls an diesem Tag eingeladen, um mit uns allen auch ihrem Sohn zu gedenken und ihn zu ehren.
 
 

Der Redebeitrag des Künstlerkollektivs zum Portrait 
19.09.20

                         
Iulia und Niculescu Paun mit dem Portrait ihres Sohnes Vili Viorel

 

"Wir sind heute, sieben Monate nach dem rassistischen Terroranschlag am 19. Februar, zusammengekommen, um an die neun Menschen zu gedenken, die in dieser Nacht aus ihrem Leben gerissen wurden.

Fatih, Mercedes, Said Nesar, Hamza, Sedat, Gökhan, Kaloyan, Ferhat und Vili Viorel.
Dass sie ewig geehrt und unvergessen bleiben, ist unsere gesellschaftliche Pflicht und ein Auftrag, den wir auf Lebenszeit zu erfüllen nicht müde werden dürfen.

Das Erinnern an unsere Geschichten, an unsere Verluste, an unsere Liebsten, an unser Überleben, ist ein Akt des Widerstandes in der Gesellschaft, in der wir leben. 

Sie baut auf Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf. Ihre Struktur klärt unsere Tode nicht auf, schützt Täter, verhindert Konsequenzen, sodass Anschläge wie in Hanau erst ermöglicht werden.

Sieben Monate lang verlangen wir Antworten, warten auf diese auf die vielen offenen Fragen, kämpfen für einen respektvollen Umgang der Gesellschaft mit unserer Lebensrealität. Woran wir erinnern, ist deutsche Geschichte.

Denn unsere Lebensrealität ist gezeichnet von Rassismus, von Unterdrückung, von Ausbeutung, von Hass und Gewalt. Unsere Lebensrealität ist gezeichnet von deutscher Arroganz und Ignoranz.

Wir sind nicht auf die Vorurteile der Vielen zu reduzieren. Wir sind Menschen, die das Menschenleben respektieren und uns von dem Hass der Anderen nicht kleinkriegen lassen.
Wir sind die, die Deutschland erst lebenswert machen, weil wir solidarisch zusammenstehen, gemeinsam trauern, wütend sind, uns wehren.

Solange unsere Geschichten nicht in jedem Lebensbereich verankert sind, bearbeitet werden und ein Bewusstsein geschaffen wird, um eines Tages eine Zukunft in Freiheit und Würde zu erleben, bedeutet unser Erinnern jeden Tag, an jedem 19. jeden Monats, eine Haltung zu bewahren und hierfür kompromisslos einzustehen, die das Menschenleben ehrt.

Heute, am Tag der Zivilcourage, ziehen wir besonders aus der Haltung von Vili Viorel die Kraft, die uns heute und in Zukunft daran erinnern soll, dass jeder einzelne von uns wichtig ist im Kampf für Gerechtigkeit und Frieden.

Er hat versucht, den Täter aufzuhalten und hat hierbei sein Leben verloren. Sein Mut, seine Menschlichkeit, sein Wille in der Hochhaltung der Menschenwürde, begleitet uns in diesem Prozess und ist uns ein ewiges Vorbild. 

Als Künstlerkollektiv wollen wir uns bei den Angehörigen, bei den Überlebenden und bei der Initiative für die Möglichkeit bedanken, dass wir als schaffende Kräfte einen kleinen Beitrag im Gedenken, im Erinnern, leisten dürfen und gemeinsam hier stehen, um uns nicht der Schande deutschen Versagens zu unterwerfen.

Die Grausamkeit, die sie aus unser allen Leben riss und die Realität zu einem Alptraum gemacht hat, wird niemals vergeben. 

Wir ehren sie, wir respektieren ihr zu früh verlorenes Leben, wir kämpfen für eine friedliche Gesellschaft für uns alle - miteinander und füreinander, auf dass sie in unserem Kampf unsterblich werden."

Einweihung der Gedenktafel am
Kurt-Schumacher-Platz und
am Heumarkt


 
Die Enthüllung der Gedenktafel am Kurt-Schumacher-Platz
Am Heumarkt zwischen der ehemaligen Bar "La Vorte" und der ehemaligen Shisha-Bar "Midnight" wurde ebenfalls eine Gedenktafel für die neun Opfer enthüllt und eingeweiht

Offener Brief der Betroffenen des rassistischen Terroranschlags vom 19. Februar 2020

OFFENER BRIEF: FÜR SOZIALE SICHERHEIT UND GERECHTIGKEIT


Offener Brief an die Verantwortlichen in Bund, Land und Stadt: Für soziale Sicherheit und Gerechtigkeit für die Angehörigen der Opfer des rassistischen Terroranschlages am 19. Februar 2020 in Hanau

Hanau, 18. September 2020

Sehr geehrte Damen und Herren in Berlin, Wiesbaden und Hanau!

Niemand kann den Angehörigen der neun Opfer des rassistischen Terroranschlags vom 19. Februar ihre Liebsten zurückbringen. Kein Geld der Welt kann Ihr Leid wieder gutmachen. Doch es erscheint als das Mindeste, dass die Angehörigen materiell abgesichert werden. Das muss oberste Priorität erhalten, wenn es um konkrete Unterstützung für Hanau nach dem rassistischen Terroranschlag geht. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit und – neben der lückenlosen Aufklärung – die Grundlage dafür, dass die Familien die soziale Sicherheit bekommen, die sie in die Lage versetzen, in
Ruhe zu trauern und zu versuchen, einen Umgang mit dem Unfassbaren zu finden.

Doch die Situation ist bislang leider eine Andere. Auch sieben Monate nach der Tat ist die soziale Lage der Opferangehörigen inakzeptabel und ungewiß:
— Nach wie vor müssen einige Familien in Hanau-Kesselstadt wohnen, sehr nahe am Tatort und am Täterhaus, weil bislang keine angemessenen Ersatzwohnungen für alle gefunden wurden.
— Nach wie vor ist die finanzielle Absicherung bei den meisten Familien unsicher, weil nicht klar ist, wie die mit der Tat einhergehenden Einkommmensverluste ausgeglichen werden können.

Aus der Politik und in den Medien werden Informationen verbreitet, die ein verkürztes oder sogar verfälschtes Bild ergeben. „Über 1 Million Euro Soforthilfen“ hätten die Angehörigen erhalten – so hieß es in einer Pressemitteilung vom Mai 2020. Damit wurde der Anschein erweckt, dass die Familien der Opfer großzügig entschädigt wurden. Nicht mitgeteilt wurde, dass dieses Geld unter sehr vielen Opferangehörigen sowie physisch und psychisch Verletzten und Überlebenden aufgeteilt wurde und dass dann pro Familie eine Summe übrig bleibt, die keine längerfristige Sicherheit bietet.

Anträge auf Renten beim Versorgungsamt sind bürokratisch und langwierig, ein Durchlaufen dieser Verfahren ist kräftezehrend und ohne professionelle Unterstützung fast nicht möglich. Entscheidungen dauern bis zu zwei Jahren und bringen in der Regel nur einen geringfügigen Zuschuss.

Zusätzliche 600.000 Euro habe das Land Hesses als Sonderprogramm für Hanau bewilligt und – so selbst die Überschrift in der Frankfurter Rundschau im August 2020 – diene der Unterstützung der Angehörigen. Doch das ist mitnichten der Fall. Vielmehr wird diese Summe an beantragende Projekte vergeben, die nicht in Verbindung mit der Versorgung der Familien stehen müssen. Jedenfalls geht von diesem Geld kein Euro unmittelbar an die Opferangehörigen.

Kein Zweifel, mehr antirassistische Projekte sind in jeder Stadt wichtig, auch in Hanau. Aber an erster Stelle der zusätzlichen finanziellen Unterstützung nach dem 19. Februar müssen die dringendsten Bedürfnisse der Familien stehen.

Das heißt konkret: die Wohnungssuche darf nicht an fehlendem Geld scheitern. Für die Familien, die umziehen müssen oder wollen, dürfen keine zusätzlichen Kosten entstehen. Die Differenz zwischen alter und neuer Miete für eine angemessene Wohnung muss von staatlichen Stellen unbürokratisch übernommen werden.

Dasselbe Verfahren muss für den Ausgleich der Einkommensverluste gelten. Die Familien haben Menschen verloren, die zum Familieneinkommen beigetragen haben. Einige Betroffene haben wegen der traumatisierenden Tat ihre Arbeit aufgeben müssen oder sind nun seit Monaten auf Krankengeld angewiesen, mit starken Einbußen für ihren Unterhalt. Auch hier ist es die Pflicht staatlicher Stellen, einzuspringen und unbürokratisch zur finanziellen Absicherung beizutragen.

In diesem Sinne fordern wir alle Verantwortlichen im Bund, in Hessen und in Hanau auf: Schaffen Sie soziale Sicherheit und Gerechtigkeit für die Angehörigen der Opfer des 19. Februar. Ermöglichen Sie eine unbürokratische Ausgleichsfinanzierung für angemessene Wohnungen und für die Einkommensverluste der neun Opferfamilien. Es braucht hier jetzt dringlich Taten statt Worte.

Initiative 19. Februar Hanau, Hanauer Hilfe, Welle gGmbH, Zentrum für Traumapädagogik Hanau, Response – Beratung für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (Hessen), ein Angebot der Bildungsstätte Anne Frank

Wir brauchen Unterstützung bei der Wohnungssuche

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Herausgeber: Initiative 19. Februar Hanau
Gestaltung: Initiative 19. Februar Hanau
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