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Newsletter film-tv-video.de, 23.11.2017

Neue Zeitrechnung
 
Heute ist in den USA Thanksgiving, ein staatlicher Feiertag, das Fest mit dem Truthahn, das man hierzulande überwiegend aus amerikanischen Spielfilmen und Serien kennt. Und was kommt nach Thanksgiving? Eine Shoppingorgie am sogenannten »Black Friday«, an dem der Handel dann mit besonderen Rabattaktionen lockt.
 
So läuft das heute mit den Feiertagen: Sie sind Anlass für Geschenke- und andere Großeinkäufe. Und wenn es keinen passenden Feiertag gibt, dann erfinden wir eben einen.
 
So ist der 11.11. in Deutschland zwar kein offizieller, staatlicher Feiertag, aber er hat eine lange Tradition als besonderer Feiertag der Karnevalisten. In China wird dieser Tag hingegen erst seit ein paar Jahren gefeiert: Wegen der vielen Einsen wurde er zum Singles’ Day erkoren. Ursprünglich – und das heißt in diesem Kontext seit Beginn der 90er Jahre –  nutzten vor allem junge Chinesen den Singles’ Day für Partys, Blind Dates und andere Pickup-Events. Doch seit einigen Jahren hat der Singles’ Day noch eine weitere, viel »größere« Bedeutung bekommen.
 
Daran hat die chinesische Online-Handelsplattform Alibaba kräftig mitgewirkt: Sie hat den Singles’ Day zu einem riesigen Shopping-Event und einer sagenhaften Rabattschlacht gemacht. Mit großen Erfolg: In diesem Jahr übertraf sich Alibaba erneut selbst und meldete mit umgerechnet 22 Milliarden Euro am Ende des Singles’ Day einen neuen Umsatzrekord.
 
Diese Woche können wir dieses Konzept auch in den hiesigen Breiten hautnah mitverfolgen. Falls es irgendjemandem tatsächlich entgangen sein sollte, vielleicht weil er gerade eine rigorose Social-Media-Diät oder ein Media-Detoxing in einer weltfernen Einöde verlebt: Wir befinden uns aktuell – unter anderem – in der »Black Week«, der »Cyber Week« und der »Cyber Monday Woche«.
 
Albert Einstein hätte sich darüber möglicherweise gefreut, denn die Relativitätstheorie ist ganz offenbar Allgemeinwissen geworden und die Zeit fließt in viele Richtungen: In der »Cyber Monday Woche« werden alle Wochentage eins. Wir reisen schneller als Licht zurück zum Montag und hin zum Donnerstag, um dem Red Friday, dem Beauty Friday, dem Crazy Friday, dem Black Friday entgegenzufiebern.
 
Auch anderweitig wird die Relativität der Zeit greifbar: Beim Discounter Penny verschmelzen hierzulande Freitag und Samstag allwöchentlich zum Framstag. Andere Lebensmittelhändler bieten schon ab Donnerstag ihre Wochenend-Specials feil.
 
Wir brauchen aber definitiv noch mehr Feiertage. Auch aus anderen Anlässen. Außerdem: Weg mit bundeseinheitlichen Feiertagen. Schließlich leben wir in einem Föderalstaat. Kulturelle Unterschiede fördern unsere Flexibilität und stärken unsere Identität.
 
Es gibt schon vielversprechende Ansätze: Während der Buß- und Bettag am Mittwoch in Sachsen Feiertag war, galt das in Bayern zwar nicht, aber er war ein unterrichtsfreier Tag. Ein Feiertag für Schüler also (und vielleicht auch den einen oder anderen Lehrer).
 
Ein tolles Konzept. Es sollte auch offizielle arbeitsfreie Feiertage für einzelne Berufsgruppen geben: Sorry, das Schwimmbad bleibt geschlossen, heute ist Bademeistertag.
 
Apropos: Wann ist in diesem Jahr eigentlich Weihnachten in Bremen?
 
Sie werden sehen.
 
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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